Das Programm
Psychotherapie ist ein Vertrag zwischen zwei Parteien – der Klient bringt das Anliegen, der Therapeut die Übersetzung in ein neurobiologisch erreichbares Ziel, und beide stimmen das Ergebnis fortlaufend ab: nicht per Antrag vor der Behandlung, sondern per Abgleich in der Behandlung.
Der Richtlinienkatalog kennt Bewilligung und Gutachten – er kennt keine permanente Ergebnisabstimmung. Genau hier setzt das Programm an. Es ersetzt nicht die Diagnostik und nicht die Indikationsstellung, sondern beschreibt eine Arbeitshaltung, die neben das Antragswesen tritt und die eigentliche Wirkarbeit ordnet. Vier Elemente tragen sie.
Nachfrageorientiert arbeiten: Anliegen vor Diagnose
Der Ausgangspunkt ist nicht die Diagnose, sondern die Nachfrage des Klienten. Er arbeitet von oben nach unten, top-down: Zuerst steht, was dieser Mensch erreichen möchte, in seinen Worten und für seine Lage. Die Diagnose bleibt notwendig für die Indikation und die Kostenfrage, aber sie ist nicht der Startpunkt der therapeutischen Bewegung. Wer mit dem Anliegen beginnt, richtet die gesamte weitere Arbeit auf ein Ziel aus, das der Klient tatsächlich trägt – und nicht auf ein Etikett, das ein Klassifikationssystem vergibt.
Eliminationsziele übersetzen, nicht ablehnen
Klienten bringen ihr Anliegen fast immer als Eliminationsziel: Die Angst soll weg, das Grübeln soll aufhören, der Zwang soll verschwinden. Ein Nervensystem kann eine Verneinung nicht ansteuern – das Ziel „weg damit“ gibt ihm kein Wohin. Die Aufgabe des Therapeuten ist deshalb die Übersetzung: aus dem Eliminationsziel ein Annäherungsziel machen, ohne das Anliegen abzuweisen. Aus „die Anspannung soll weg“ wird die Frage, woran der Klient merken würde, dass Ruhe eingekehrt ist, und was er dann täte. Die Übersetzung lehnt nichts ab. Sie würdigt das Anliegen und gibt ihm eine erreichbare Form.
Jedes Symptom ist eine Kompetenz, die gerade sehr aktiv ist. Die Frage ist nicht, wie man sie unterdrückt, sondern wohin sie gehört.
Jedes Symptom als überaktive Kompetenz lesen
Was als Symptom erscheint, lässt sich als überaktive Kompetenz lesen. Die Wachsamkeit des ängstlichen Menschen ist eine hoch entwickelte Fähigkeit zur Gefahrenfrüherkennung. Das Kontrollieren ist ein ausgeprägtes Verantwortungsempfinden. Das Grübeln ist eine gründliche Vorwegnahme möglicher Verläufe. Keine dieser Fähigkeiten muss beseitigt werden. Sie ist nur an einem Ort und in einer Dosis aktiv, an dem sie mehr kostet als nützt. Die therapeutische Frage lautet daher nicht, wie man die Kompetenz abschaltet, sondern wohin sie gehört und in welcher Dosierung sie dem Klienten dient.
Das Anliegen hinter dem Muster benennen
Hinter jeder überaktiven Kompetenz steht ein legitimes Anliegen, das einen günstigeren Weg sucht: Sicherheit, Planbarkeit, Ruhe, Zugehörigkeit, Selbstachtung. Das Muster ist der bisher gefundene Weg zu diesem Anliegen – oft ein teurer Weg. Wird das Anliegen benannt, verändert sich die Arbeit: Nicht mehr das Symptom ist der Gegner, sondern der bisherige Weg ist einer unter mehreren. So entsteht Bewegungsraum, denn ein Anliegen lässt sich auf verschiedenen Wegen erreichen, ein Symptom dagegen lässt sich nur bekämpfen. Und über den ganzen Prozess hinweg wird das Ergebnis fortlaufend abgeglichen – Sitzung für Sitzung, im Gespräch zwischen den beiden Parteien des Vertrags. Viele Behandler arbeiten längst so. Das System bildet es nur nicht ab.
Weiterführung
Dieses Programm ist an anderer Stelle ausführlich ausgearbeitet. Drei Verweise führen weiter:
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